Teilweise individuell
Die Leute glauben, unser Tun und Schaffen sei eitel Wahl, aus dem Vorrat der neuen Ideen griffen wir eine heraus, für die wir sprechen und wirken, streiten und leiden wollten, wie etwas sonst ein Philolog sich seinen Klassiker auswählte, mit dessen Kommentierung er sich sein ganzes Leben hindurch beschäftigte – nein, wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns und knechtet uns und peitscht uns in die Arena hinein, daß wir, wie gezwungene Gladiatoren für sie kämpfen. — Heinrich Heine, aus dem Vorwort zu "Der Salon"
Eine logisch konsistente Theorie ist stets gegeben durch ihre Axiome. Alle durch eine solche Theorie herleitbaren Aussagen ergeben sich durch (wiederholte) Anwendung der Logik auf die Axiome. (Wir zählen hier eventuell zu der Theorie gehörende Regel R einfach als ein Axiom, das die Gültigkeit von R fordert.) Als kleine Übung darum hier einmal meine Definition der Memtheorie:
(M1) Menschliches Verhalten wird durch Ideen bestimmt.
(M2) Diese Ideen stehen in einem evolutionären Wettkampf miteinander.
Einer der Gründe, warum mir die Memtheorie gefällt ist diese Einfachheit. Alle anderen Phänomene und Konsequenzen der Memetik ergeben sich hieraus. Zum Beispiel brauche ich nicht zu erwähnen, dass wir Ideen als veränderlich betrachten, denn sonst wäre kein evolutionärer Wettkampf möglich. Auch brauche ich nicht zu erwähnen, dass dieser Wettkampf nicht bewusst wahrgenommen wird, denn wir haben ja schon gefordert, dass Bewusstsein (wie alles menschliches Verhalten) durch Ideen bestimmt wird, also selbst keinen Einfluss auf die Ideen ausübt (sondern von ihnen beeinflusst wird). Im Wesentlichen sollten sich alle Thesen der Memtheorie aus diesen zwei Axiomen und ein wenig Logik ergeben.
Memetik in einer Nussschale
Dieser Artikel widmet sich (mal wieder) einer enorm grundlegenden Frage: Wie können wir menschliches Verhalten erklären? In der Geschichte der Menschheit scheint es eine ziemlich beliebte Idee zu sein, menschliches Verhalten für etwas grundlegend Anderes zu halten als sämtliche andere in der Natur zu bobachtenden Vorgänge. Dies führte schließlich zu Theorien wie dem Dualismus von "Seele" und Körper (und ähnlichem Unfug). Schon hier sehen wir erste Parallelen zu Ideen wie dem Kreationismus (und ähnlichem Unfug): Wo zunächst kein natürlicher Entstehungsprozess erkannt wird, wird die Ewigkeit des status quo angenommen.
Intelligenz (und) Verstehen
"Der gesunde Verstand ist das, was in der Welt am besten vertheilt ist; denn Jedermann meint damit so gut versehen zu sein, dass selbst Personen, die in allen anderen Dingen schwer zu befriedigen sind, doch an Verstand nicht mehr, als sie haben, sich zu wünschen pflegen." — Descartes ("Abhandlung über die Methode")
Obwohl dieser Spruch zunächst wie eine dieser unsäglichen Alltagsweisheiten klingt, die gerade dazu taugen, eine Profilseite in einem sozialen Netzwerk zu dekorieren, fällt er - nach kurzem Nachdenken - durch eine überraschende Allgemeingültigkeit auf. Zumindest mir erging es so: Ich hörte zwar schon viele Beschwerden (mitunter auch aus meinem Munde), man hätte zu wenig Geld, oder zu wenig Glück, oder sehe nicht gut aus, wolle mehr Muskeln, mehr Spaß, ... Gerade aus der Schulzeit habe ich auch noch Klagen im Ohr, der Schulstoff sei zu schwer, schlecht vermittelt, unnütz, ... Auch das gelegentliche "Ich raff das einfach nicht!", das jedoch trotzdem stets mehr der Kritik des Inhalts, der Umstände, des Buches oder des Lehrers dient als der Kritik an der eigenen Fähigkeiten. Dass jemand ernsthaft seine eigene Intelligenz als unzureichend empfindet, daran kann ich mich zumindest nicht erinnern. Außer an eine prominente Ausnahme natürlich...
Gott und die Welt
»Eine übliche Ausformulierung des Allmachtsparadoxons ist die Frage "Kann ein allmächtiges Wesen einen so schweren Stein schaffen, dass es ihn selbst nicht heben kann?"« — Wikipedia zu Allmachtsparadoxon.
Immer wenn ich diese Frage wieder einmal lese, erinnere ich mich an einen guten Freund, der mich irgendwann in der Mittelstufe erstaunt und fasziniert mit dieser Frage konfrontierte. Die Einfachheit der Fragestellung und die Direktheit, in der jede intuitive Antwort zur Unmöglichkeit eines allmächtigen Gottes führt, vermag es wohl, sofortigen Handlungsbedarf zu schaffen. Darauf folgte eine Zeit, in der ich ein paar Versuche zu hören bekam, ein Bild eines allmächtigen Gottes wieder gerade zu rücken.
Platon Missverstehen
"Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht." — Alfred North Whitehead in "Prozeß und Realität" (in der Übersetzung von Hans Günter Holl)
Das Beste an diesem berühmten Zitat ist wohl, dass das Werk, dem es entstammt, selbst als Fußnote zu betrachten ist. Whitehead versucht sich an der Herleitung einer umfassenden, in der ursprünglichen Logik begründeten Kosmologie, ohne das richtige Mittel im Kampf gegen die Vielheit der Einzelphänome gefunden zu haben. (Das ist nun aber natürlich nichts, was man jemanden vorwerfen könnte.)
Immigration
Der Präfekt von She wollte wissen, wie regiert werden solle. Der Meister [Konfuzius] antwortete ihm: »Die eigenen Leute froh und glücklich machen, so daß Fremde angezogen werden.« — Lun-Yu XIII,16 (zitiert nach der Übersetzung von Ralf Moritz)
Es ist kein sonderlich neues Phänomen, dessen Diskussion durch mehr oder weniger bedeutende Persönlichkeiten in den letzten Wochen die Medienöffentlichkeit bestimmt hat. Es bietet sich für mich dennoch sehr dafür an, einmal einen praxisbezogeneren Blog-Eintrag zu verfassen und damit gleichsam einen Schlussstrich unter die sonst sehr unergiebigen Diskussionen zu setzen, die ich in letzter Zeit mitanhören durfte. Unergiebig meist deshalb, weil es den meisten Diskutanten zu diesem anscheinend sehr emotionsgeladenen Thema an ein paar grundlegenden Gedankengängen fehlt.
Und existieren Einhörner?
Trotz gewisser zeitlicher Differenz soll dieser Eintrag inhaltlich direkt an den vorherigen anknüpfen. In diesem sind wir (im Einklang mit Platon) zu dem Schluss gekommen, dass Existenz eine bedeutungslose Qualität ist. Die Antwort auf die Frage "Existiert X?" ist infolgedessen unabhängig von X, also konstant. Während Platon diese Frage stets mit "ja" beantwortet hätte, gab es auch Philosophen, die immer "nein" geantwortet hätten. Im Grunde sind dies gleichwertige Auffassungen, die sich allein durch ihre Namensgebung unterscheiden, was uns schon seit Heraklit auch nicht überraschen sollte (dazu folgt mit Sicherheit noch ein Eintrag).
Vor einiger Zeit habe ich in einem Gang meiner Universität ein Plakat der philosophischen Fakultät bemerkt. Es ging um einen Aufsatz-Wettbewerb zu der Fragestellung: "Gibt es ein Menschenrecht?" Von der platonischen Philosophie kommend ist diese Frage schnell abgehandelt: Nach der Argumentation in meinem letzten Blog-Eintrag kommt die Eigenschaft der Existenz allem zu, also auch dem Menschenrecht. Platon argumentiert hier sogar noch etwas spezieller als im letzten Eintrag skizziert: Laut Platon setzt die Möglichkeit der Bezeichnung die Existenz voraus.
Existiert Platon?
Ich fahre also mit der Demontage falscher doch weit verbreiteter Weltbilder fort. Die Gelegenheit nutze ich, um meinen alten Freund Platon vorzustellen, auf den ich mich in entscheidenden Aspekten gern beziehe. Platons Philosophie basiert grundlegend auf der Ideenlehre (welche rekonstruiert ist, da er selbst sie in seinen Schriften nie direkt erwähnt hat).
Die Ideenlehre ist grundlegend das Java der Philosophie. Sie versucht bisherige große philosophische Erfolge unter einen Hut zu bringen und bleibt dabei (durch ihre grundlegende Verknüpfung zur Sprache, die alle Philosophen zwangsweise verwendeten) auch für verschiedenste Philosophien noch mit Erfolg anwendbar. Die Grundbaustein der Welt (laut Ideenlehre) ist die "Idee" oder "Form, die ziemlichgenau so funktioniert wie eine Klasse in Java: Sämtliche durch den Menschen beobachtare Objekte haben an (bei Platon: mehreren) Ideen Anteil. Erst durch diese Anteilnahme erben sie gewisse Eigenschaften, darunter auch die Erkennbarkeit durch den Menschen. Das ließt sich: Der Stuhl auf dem ich sitze ist nur ein Stuhl für mich, weil er an der Idee des "Stuhls an sich" Anteil hat (und mein Verstand diese Idee — kurz gesagt — "kennt"). Der Programmierer würde wohl sagen: Das Objekt unter meinem Arsch ist ein Stuhl, weil es von der Klasse "Stuhl" erbt. Wie wir nun aus der Java-Praxis wissen, sind die Ideen/Klassen das eigentlich Interessante an der Welt während die sinnlich wahrnehmbaren Objekte kommen und gehen (und dabei nur durch die Ideen, an denen sie Anteil haben, überhaupt "zugänglich" sind). Damit, wie interessant es ist, dass wir heute (dank des Computers) "praktische Erfahrung" mit Dingen sammeln können, über die Platon nur nachdenken konnte, wird sicher noch ein anderer Blog-Eintrag zu sprechen kommen.
Magie
"You know, it's true: When something exceeds your ability to understand how it works, it sort of becomes magical." — Jony Ive, Senior Vice President of Industrial Design at Apple Inc.
Es ist keine gewöhnliche Produktbeschreibung, mit der Apple hier sein iPad der Welt vorstellt. Es ist zunächst eine bemerkenswert anwendbare Definition des Adjektivs "magical". Das heißt "magical" ist hier kein Ersatz für "amazing" oder "wonderful", es steht für eine klar umrissene, sehr spezielle Eigenschaft. Ob das iPad dieses Prädikat verdient oder nicht sei nunmal dahingestellt. In der Fachpresse habe ich trotz der zitierten Aussage mehr zum Thema "how it works" gelesen als über "exceeded abilities of understanding". Und Apple neigt zu himmelhohen Lobeshymnen über eigene Produkte. Apple neigt aber auch dazu, seiner Zeit ein Stückchen voraus zu sein.
Natürlich ist im iPad keine Magie am Werk. Aber wo ist sie es dann? Eine Analyse quer durch den Wissensschatz der Menschheit wird uns wohl zu der Erkenntnis führen, dass die Anzahl der (auch weithin als solche akzeptierten) magischen Gegenstände rapide abgenommen hat. Jony Ive wird wissen, warum: Das liegt an der "ability to understand". Zweifelsohne sind die meisten oder gar alle einst als magisch betrachteten Vorgänge oder Gegenstände heutzutage "well understood". Dennoch können wir bei weitem nicht behaupten, unsere "ability to understand" würde nicht am laufenden Band "exceeded". Warum ist ein Graviton oder das P-NP-Problem die Collatz-Vermutung nicht magisch?

